Aufstiegshilfe – Depower leicht gemacht von Ozone und Gin

von Redaktion • 12.7.2010 • Kategorie: TractionKITE & friends bestellen!

Kite Runners
Die meisten Hersteller haben neben ihren Freestyle- und Hochleistungsschirmen mittlerweile auch spezielle Depowerkites für Ein- und Aufsteiger im Programm. Diese sollten den Piloten möglichst nicht überfordern, ein Höchstmaß an Stabilität und Sicherheit bieten und zudem mit den Fähigkeiten des Kiters „wachsen“. Wir konnten die aktuellen Einsteigermodelle von Ozone und Gin ausgiebig fliegen und erlebten zwei völlig unterschiedliche Konzepte.


Gins Inuit II in ihrem Element – dem Vortrieb auf dem Board

Das aktuelle Design von Ozones Access XT mit Gaze an den Lufteintrittsöffnungen

Überdruckventile im Untersegel der Access XT

Auch ein Rücken kann entzücken: Das Design der Inuit ist stimmig

Solide Verarbeitung auch bei der Inuit II

Vereinfacht: Gegenüber der Eskimo wurde an der Bar und beim Sicherheitssystem reduziert

Familien(erb)stück: Ozone-Bar mit Re-Ride-Safety und Megatron Chickenloop

Die koreanische Kite-Schmiede Gin schickt den Einsteiger-Depower-Schirm Inuit II ins Rennen, der gegen die Access XT von Ozone antreten muss. Da wir dank der Großzügigkeit der Hersteller die Schirme über einen langen Zeitraum prüfen konnten, haben wir neben der Testcrew auch echte Aufsteiger an die Bar gelassen und deren Erfahrungen in das Testergebnis eingearbeitet.

Ausstattung
Inuit und Access werden in handlichen Rucksäcken ausgeliefert, die sich durch zusätzliche Taschen und eine gute Polsterung durchaus für erste Backcounty-Touren eignen. Beide Kites müssen vor dem ersten Start zunächst noch mit der Bar verbunden werden. Dies gelingt selbst Ungeübten, da die hochwertigen Dyneema-Leinen farbig codiert und beschriftet sind.

Die Bar der Inuit ist eher einfach und funktional gehalten, verfügt aber über alle Features eines zeitgemäßen Kontrollsystems: aushaksicherer Chickenloop, leichtgängiges Safety, Gurtband-Adjuster und Leinen-Winder. Lediglich der Bardurchlass ist so eng, dass er beim Lenken der ­Depowertampen eingeklemmt wird.

Ozone verwendet bei der Access die gleiche hochwertige Bar mit den abrutschsicheren Griffmulden wie bei Manta und Frenzy und setzt daher in Sachen Ausstattung noch eins drauf. So verschwinden die Sicherungs-Gummibänder der Leinen nach Gebrauch in einer Bohrung an der Unterseite der Bar. An den Steuerleinen wurden zusätzliche Trimmer angebracht und stattdessen hat man auf einen Depower-Adjuster verzichtet. Auch bei der Sicherheit wurde nicht gespart, Ozones Megatron Chicken­loop besticht mit Leichtgängigkeit und Funktionalität: Durch ein Wirbelgelenk wird ein freies Ausdrehen der Bar ermöglicht.

Beide Testkites warten, neben Qualitätsmerkmalen wie Dirt-Outs und Diagonal-Rippen in den Luftkammern, mit allerlei Konstruktions-Raffinessen auf. So verwendet Gin auch bei der Einsteigerlinie zum Stabilisieren der Kappe eine spezielle Cross-Leinen-Waage. Ozone hingegen hat mit den Lufteinlässen experimentiert und sie mit einer Gaze abgedeckt. Auf diese Weise werden Schnee und grober Schmutz von den Luftkammereinlässen ferngehalten und gleichzeitig eine Stabilisierung der Profilnase erreicht.

Teststart
Doch nun zum eigentlichen Test der Kites, vor dem zunächst das Studium der in diesem Fall sehr ausführlichen Handbücher stehen sollte. Nachdem wir uns mit allen Sicherheitsfunktionen und Eigenheiten der Drachen vertraut gemacht hatten, konnten wir die Leinen auslegen und die Kites starten. Ozone verwendet, anders als Gin, kein vier-, sondern ein dreileiniges Setup, also zwei Steuerleinen und eine Depower-Leine, die sich kurz vor dem Kite in ein Y verzweigt. Dies hat zwar nach unserer Meinung keinen Einfluss auf die Flugeigenschaften, schafft aber etwas mehr Überblick beim Entwirren der Leinen. Zum Start genügt ein kurzer Impuls und die Drachen steigen auf. Während die Access praktisch sofort prall mit Luft gefüllt am Himmel auf die ersten Lenkbefehle ­wartet, sollte man die Inuit ein paar Mal hin und her fliegen, damit sich auch ihre Tips richtig ­entfalten. Bei den ersten Flugmanövern im Stand verhielten sich beide Schirme sehr angenehm, gutmütig und stabil – also nichts wie rauf aufs Landboard!

Lowend
Bei den geringen bis mittleren Winden an diesem Tag zeigten sich die unterschiedlichen Flugcharakteristika bereits sehr deutlich: So sollte man die Inuit immer mit etwas Druck auf den Back-Leinen fliegen, damit sie in Böen nicht überfliegt und die für Gin-Kites charakteristischen engen Kurven ­zirkelt. Die Access spricht auf Lenkbefehle direkter an, setzt diese jedoch in etwas weitere Radien um. Uns erschien dies jedoch nicht als Nachteil, sondern als genau das, was die Zielgruppe der Aufsteiger braucht. Ein klarer Pluspunkt liegt zudem in dem guten Barfeedback dieses Opencellers, denn auch Ungeübte lernen so sehr schnell, die Position des Kites im Windfenster zu erspüren. Zudem beeindruckten uns die Leichtwindeigenschaften: Eine schwache Brise genügt und die Access steht stabil im Windfenster und baut Druck auf.

Ab geht’s
Als der Wind weiter auffrischte, konnten wir erleben, wie sich selbst unsere Nachwuchstester mit der Access an erste Sprünge wagten. Die gute Kontrollierbarkeit bei gleichzeitiger Gutmütigkeit lässt die volle Konzentration auf den Trick zu und überfordert den Fahrer nie. Obwohl der Kite bei dieser Session des Öfteren untersprungen wurde und ­einige Lenkfehler verkraften musste, gelang es uns während des gesamten Testtags nicht, die Access zum Absturz zu bringen – so etwas hatten wir mit einem Aufsteiger-Kite noch nicht erlebt!

Gins Inuit sollte etwas aktiver und konzentrierter geflogen werden; so neigt sie dazu, aus dem Windfenster heraus zu fliegen, wenn man sie nicht rechtzeitig anpowert. Für Anfänger ist angenehm, dass sie auch beim Anziehen der Bar nur wenig Lift erzeugt. Aufsteiger werden daher jedoch über erste Hüpfer kaum hinauskommen. Der Windbereich der Inuit ist insgesamt deutlich kleiner als der der Access und entspricht nicht dem heutigen Stand in dieser Klasse. So baut sie im unteren Windbereich erst spät Druck auf und kommt bei auffrischendem Wind recht schnell an ihre Grenzen.

Wenn dann noch das Safety-System den Kite nach dem Auslösen nicht drucklos zu stellen vermag, kann es bei zunehmenden Winden zu wirklich gefährlichen Situationen kommen: So flattert die Inuit noch recht lange an der Backstall-Safety, bevor sie, immer noch zu Zweidritteln angepowert, auf der Hinterkante landet – das ist zu viel. Ein Anfänger wäre in so einer Situation heillos überfordert und müsste sich komplett vom Kite trennen (mit der Konsequenz eines unkontrolliert davonfliegenden Schirms). Schade, dass Gin bei der Inuit auf das bewährte Fünfte-Leine-Sicherheitssystem verzichtet, wie es auch bei der Eskimo (siehe KITE & friends 3/2010) aus gleichem Hause verwendet wird. Im Gegensatz dazu funktioniert die so genannte Re-Ride-Safety bei ­Ozone völlig problemlos. Durch Ziehen einer gut erreichbaren Hülse in den Vorlaufleinen wird der Kite in den Backstall gezwungen und bleibt mit nur geringem Restdruck liegen. Der Zusammenbau der Safety-Hülse funktioniert schnell und leicht, sodass man sofort wieder starten kann.

In Bezug auf die Wiederstartbarkeit der Aufsteiger-Drachen haben sowohl Gin als auch Ozone ihre Hausaufgaben gemacht. Liegt nach einem missglückten Manöver die Leitkante unten, genügt es, jeweils nur eine Steuerleine zu ziehen, und schon drehen sie auf der Stelle und starten. Als besonderes Gimmick hat Ozone für alle Aufsteiger, die gerne schon mal den Kite auf den Boden „semmeln“, sowie für den harten Schulungsbetrieb Überdruckventile in das Untersegel eingearbeitet – so kann der Druck entweichen, bevor Nähte platzen oder Risse entstehen.



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