Wolsings Maxime: 12 Meter großer Flaki-Lenkdrachen

von • 12.12.2011 • Kategorie: LenkdrachenKITE & friends bestellen!

Ja, es scheint an ein Wunder zu grenzen. Doch wo und wann ist es geschehen? Als der wohl größte Stablenkdrachen der Welt im Juli 2011 in St. Peter-Ording abhob, um erstmals, von einem einzelnen Piloten gesteuert, kontrollierte Loopings zu fliegen? War es, als Erbauer Günter Wolsing ihn auf Fanø im Juni 2005 dem Publikum präsentierte? Oder im Juli des Vorjahres, als der Drachen auf der Wiese erstmals knapp 5 Meter aufstieg?


Helge Gosau steuert das imposante Gerät mit voller Konzentration

Günter Wolsing weiß: Hier muss alles sitzen, damit der Flug gelingt

Viele Details müssen beim Zusammenbau berücksichtigt werden

Vorbereitung: Jens und Helge sprechen jeden Schritt am Modell durch

Der Flaki 9,0 mit buntem Flickwark überzeugt durch Flugbild und Gesamterscheinung

Da steckt Erfahrung drin: Die Muffen der Spreizen sind mit Klettband gegen Herausrutschen gesichert

Mit dem dreifarbigen Flickwark-Segel glitzert der Flaki 12,0 im Sommerhimmel

Ein eleganter Klassiker: Long-Dart-Familie als Gespann

Günter Wolsings Freude sind seine tollen Lenkdrachen: Wir wünschen ihm alles Gute

Philipp Münstermann mit fünf Steikis aus Günters „Schmiede“

Ganz ehrlich? Das Wunder geschah von Januar bis April 2004 in einem kleinen Dachzimmer in Hamburg-Volksdorf. Dort, wo Günter Wolsing seine Werkstatt öffnete, wo Nähmaschine und Drachenstoff mehr Platz einnehmen als Bett und Kleiderschrank, wo die ehrgeizigen Zeichnungen aus dem vorherigen Herbst zu fliegender Realität werden sollten. Und so entstand Stück für Stück in seiner einzigartigen Flickwark-Technik (Wark ist plattdeutsch für Werk beziehungsweise Arbeit) aus kleinen Einzelteilen im „wilden Verband“ ein wunderschönes und durch die vielen Nähte ausreichend verstärktes Drachensegel in Goldgelb und Schwarz, welches ein pinkes W schmückt und das durch Gazeflächen ein wenig durchlässig ist. Eine Gesamtfläche von 21 Quadratmeter, wohl mehr als das Vierfache der Fläche des Raumes, in dem er gebaut wurde. Bestückt hat Günter den 12er mit einem 20-Millimeter-Kohlefasergestänge, wobei die Leitkanten bereits jeweils 7,25 Meter messen und die untere Spreize auf 8,40 Meter kommt.

Bestätigung
Dass Günter diesen großen Drachen entworfen und von der Schablone bis zum letzten Verbinder gebaut hat, ist das eigentliche Wunder. Die Kühnheit für dieses Tun liegt vor allem in seinen stets wachsenden Drachenfamilien begründet. Nachdem vom Ur-Long-Dart aus dem Jahr 1991 sechs Größen entstanden sind (siehe Sport & Design Drachen 3/94), wurden vom Steiki gleich sieben Größen bis 4,50 Meter gebaut und er hat sich nach oben mit den Flakis ab 5 Meter Spannweite in das Neuland hinein durch immer größerer Ausführungen weitergearbeitet. In KITE & friends 6/2003 berichteten wir bis zum Flaki-7,0 und dem gestreckteren Flaki mit 7,6 Meter, welche überraschend gute Flugeigenschaften aufweisen. Doch auf dem Rückweg von unserem Treffen auf Rømø für eben diese Reportage beginnen bei Günter bereits die Gedanken an einen 9-Meter-Drachen, der noch im gleichen Sommer Realität wird.

Problemfall
Die beiden Großen von Günter werden durch ihre Ausnahmeerscheinung aber leider doch zu einem Problem. Nicht, dass die Konstruktion fehlerhaft oder beim Bau etwas schiefgelaufen wäre. Die größten Probleme sind der passende Wind und das Vorhandensein eines eingespielten Teams, vor allem, wenn der Drachen nach einer Landung wieder in Position gebracht werden muss. Der eigent­liche Grund, dass Ihr erst jetzt wieder etwas von Günters Größten zu lesen bekommt, liegt an meinem Wort, dass ich Günter gegeben hatte. Ich wollte dann wieder berichten, wenn 9,0er und 12,0er geflogen wurden, dass heißt, an langer Schnur und mit kontrollierten Loopings. Gleich bei der Präsentation 2005 auf Fanø sollte das doch gelingen. Doch die sonnigen Leichtwindbedingungen und unsere Ehrfurcht vor der Größe machten uns einen Strich durch die Rechnung. Die Drachen ließen sich starten und hoben gemächlich ab, doch der mäßige Winddruck reichte nicht dazu aus, dass unsere deut­lichen Lenkbefehle ein Heben der jeweiligen Flügel­hälfte bewirkt hätten. So schmierten mir beide Flakis trotz vollem Lenkeinschlag und beherzten Schritten rückwärts einfach auf die Segelspitze ab, was Günter einen Haufen 20-Millimeter-Kohlefaserschrott bescherte. Der heute 83-Jährige nahm es äußerlich gelassen. Ich kann mir aber vorstellen, dass er innerlich genauso kochte wie ich. Es war eine Wut gegen mich selbst, die noch umso größer gewesen wäre, wenn ich damals schon geahnt hätte, dass diese Fehleinschätzung in Verbindung mit meinem sturen Ehrgeiz sechs Jahre Zeit ­kosten würde.

Alles perfekt?
Wir wussten also, dass mindestens drei Windstärken nötig sein würden, um die großen Flakis in der Luft lenken zu können. Vor allem bei Günter kam die Unsicherheit auf, ob es einem einzelnen Piloten mit seiner limitierten Armspanne überhaupt möglich wäre, einen Looping einzuleiten. Der ­Mindest­wind machte es noch wichtiger, dass beim Bodenpersonal jeder Handgriff sitzt. Denn wenn – wie im Juli 2009 – bei gegen vier Windstärken ­auffrischender Brise nur ein Flügelende des 12ers außer Acht gerät, ist der Crash vorprogrammiert, bevor der Drachen überhaupt in Startposition ist. Aller­­­dings hatte ich im April 2008 bereits mit dem Flaki 9,0 großes Glück. Günter hatte den Drachen bei mir an der Nordsee gelassen und ich konnte spontan die passenden Verhältnisse nutzen. Mit Helge Gosau traf ich einen versierten Lenkdrachen­piloten, der sofort Feuer und Flamme für mein Vorhaben war. So gelang der Aufbau reibungslos und nach einigen Feintrimmungen an der Waage – die jeweils einige zig Zentimeter betrugen – konnten Helge, ich und der dazugekommene Jörg Sattelmacher an 80 Meter Schnur einige Loopings drehen, bis wir alle drei – gestandene Männer, die wir sind – erschöpft, aber glücklich zur Landung ansetzen mussten.

Umsetzen
Die Erfahrungen mit dem 9er hatten gezeigt, dass noch einige Dehnung in der langen Dacronwaage vorhanden zu sein schien, und so tauschte Günter diese gegen eine reckarme Dyneemaschnur aus. Damit war der 12er für einen neuen Versuch gerüstet. Eigentlich war ich mit Günter für einen Test auf der Wiese verabredet, doch leider konnte er aus gesundheitlichen Gründen diese Gelegenheit nicht wahrnehmen. Allerdings sollte ich den Drachen abholen und nach Fanø 2011 mitnehmen. Da während meines Aufenthalts auf der Nordseeinsel die Bedingungen ungünstig waren, wurde es Juli, als ich mich mit Helge Gosau am Strand von St. Peter-Ording für einen neuerlichen Versuch verabredete.

Nach Plan
Der Wind schien perfekt und auch die Sonne leuchtete ebenso strahlend, wie es drei Jahre zuvor beim erfolgreichen Flug des 9ers an gleicher Stelle der Fall war. Bei bester Laune bauten wir aus scheinbar unendlich vielen gemufften Stäben den Giganten der Lenkdrachen auf. Marco Reese und Meike Müller unterstützen uns mit wichtigen Hand­­griffen und wertvollen Ratschlägen. Bevor wir den Kite an die Schnüre nahmen, spielten wir jeden Schritt an einem kleinen Modell durch, um am Boden keinesfalls eine Dummheit zu begehen. Am Startplatz wurde die Waage gecheckt, die Erfahrungen vom 9er eingebracht und ein prüfender Start an kurzen Schnüren versucht. Ja, es lief alles nach Plan! Während sich die drei um den sicheren Stand des Drachens kümmerten, legte ich die 80-Meter-Lenkschnüre aus. Ein bisschen flau war mir schon, denn ich hatte die lange Zeit im Kopf, welche wir auf diesen Moment hingefiebert hatten, aber mir war auch die Verantwortung Günter gegenüber wohl bewusst. Nicht nur, dass wir gut mit seinem „Baby“ umgehen sollten: Für eine ihm bevorstehende Operation wäre eine Erfolgsmeldung doch das Größte, was wir Drachenflieger ihm als Beistand mitgeben könnten.

Ich zog …
Und tatsächlich, nachdem Helge, Marco, Meike und ich nacheinander den Daumen nach oben gerichtet haben und ich somit das Zeichen erhalte, dass der Kite startbereit ist, spanne ich alle Muskeln in meinem Körper, trete einige wenige Schritte zurück und ziehe! Noch sanfter und gleichmäßiger als mein Startimpuls ist die Redaktion des 12ers, denn er richtet sich die letzten paar Grade auf und hebt trotz seines beachtlichen Gesamtgewichts scheinbar schwerelos vom Boden ab, um souverän einer Flugbahn Richtung Zenit zu folgen. Ein völlig unerwarteter Applaus von den zufällig anwesenden Strandbesuchern gibt uns Mut und löst die Anspannung. Jeder scheint wohl verstanden zu haben, dass hier etwas Großartiges passiert.

Einige Bahnen quer zum Boden, bei denen der größte Wolsing-Drachen eine satte Strömung aufnimmt und jeweils am Ende eine Richtungsänderung, bei der ich entschieden mit vollem Armausschlag agieren muss, um den 12er von meinem Wunsch nach einer Drehung zu überzeugen, sorgen für Gewissheit: Die Trimmung ist in Ordnung. Also lasse ich den imposanten Flügel so hoch wie möglich nach oben steigen, was eine gefühlte Unendlichkeit dauert. Aus einer Position schräg links vom Zenit lasse ich den Flaki leicht nach rechts drehen und sobald die Nase ein wenig nach unten zeigt, lenke ich voll ein. Erst scheint alles ganz einfach, doch bei der halben Drehung legt der Zug gehörig zu und ich muss standhaft den Lenkbefehl halten, um die Drehung zu vollenden. Doch er folgt seiner Kreisbahn, steigt am Ende wieder und ja: der Looping ist vollbracht!

Grinsen
Ein dickes Grinsen steht in Helges Gesicht geschrieben, der inzwischen die 80 Meter Richtung Lenkschlaufen hinter sich gebracht hat. Ich bin heilfroh über die Ablösung und Helges Miene nimmt sofort einen konzentrierten Blick an.
Feierlich zelebriert er weitere, weiträumige Loopings. Natürlich haben wir sofort Ideen, wie die Waage noch optimiert werden könnte und sie scheint jetzt auch noch nicht ganz gleich abgestimmt zu sein, aber was zählt ist: Er tut es! Schnell ist auch Helge von den gewaltigen Lenkwegen geschafft, ich übernehme wieder und fliege noch einen Looping, bevor ich landen möchte. Meine Idee eines Snapstalls, der es ermöglich würde, den Kite nach einem Push-Impuls rückwärts gen Boden durchsacken zu lassen, schwindet nach zwanzig Meter, die ich ihm entgegenlaufe, wobei er aber keine Anstalten macht, abzusinken. Für das „Snap“ dieses Stalls muss man wohl ein trainierter 100-Meter-Läufer sein! Ich ändere meinen Plan, gehe rückwärts und bringe ihn mit einem erneuten Looping der Erdoberfläche näher, richte ihn am niedrigsten Punkt mit den Flügelspitzen gleichmäßig zum Boden aus und gehe langsam auf ihn zu. Die Helfer beginnen ebenfalls, Richtung Lee zu laufen – tatsächlich landet der Flaki sanft auf beiden Flügel­spitzen und wird sofort vom Team in eine „Nichtangriffsposition“ gelegt.

Was hat Günter da geschaffen? Es ist ein Erlebnis nahe dem Irrsinn, aber wir sind voller Adrenalin gepumpt und fühlen uns wie Helden. Wären wir in einer Märchensage, dann könnten wir uns tatsächlich feiern lassen, denn wir haben „den größten Drachen seiner Art“ bezwungen.

Es geht weiter …
Gut, die beiden Großen sind erst einmal ins Winter­quartier zurückgekehrt. Doch zum Drachenfest im August sind wieder viele Drachenfreunde am Strand und spontan koppeln wir zusammen, was wir aus Wolsings „Schmiede“ dabeihaben:
Fünf klassische Long Darts in aufsteigender Größe erobern die Lüfte; Thomas und Philipp Münstermann fliegen vier tolle Steikis und wir hängen einfach meinen 4,0er noch dahinter. Es ist toll, sich gemeinsam an diesen schönen Drachen zu erfreuen und wir beschließen, dass 2012 ab 4. August in der Woche vor dem Drachenfest in St. Peter-Ording wieder ein toller Termin ist, gemeinsam Long Darts, Steikis und Co. zu fliegen.

Text: Jens Baxmeier
Fotos: Jens Baxmeier und Marco Reese