Speedkiting Eurocup in Étretat [F]
von Redaktion • 14.12.2009 • Kategorie: Lenkdrachen • KITE & friends bestellen!
Am 12. und 13. September 2009 fand in Étretat in der Normandie (Frankreich) der Coupe d’Europe de Cerf-Volant de Vitesse statt.
Für den Contest hatten sich zahlreiche Teilnehmer aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und natürlich aus Frankreich angemeldet –
mit dem hochgesteckten Ziel, neben dem Wettkampf endlich die magische 200-Stundenkilometer-Marke zu erreichen. Ob dies gelungen ist? Hier erfahrt Ihr mehr …

Durchflug der Speedkites an der Messanlage

Long Duong wirft die Speedkites der Teilnehmer an

Blieb leider nicht aus: Stabbruch bei den sensiblen Highendkites

Mit großem Interesse wird der Weltrekordhalter interviewt

Siegerehrung (von links): Markus, Christian und Mark
Der Drachenclub Dieppe (Cerf-Volant Club de Dieppe) unter der Leitung von Eric Lincot hatte dazu eingeladen, sich auf den Klippen vor dem wunderschönen Ort Étretat im Hochgeschwindigkeits-Drachenfliegen, dem Speedkiting, zu messen. Der Speedkitecontest fand zur selben Zeit wie das Drachenfest dort statt, allerdings nicht am selben Platz.
Schwierig
Als Austragungsort wählte man eine Wiese, knapp 200 Meter hinter einer Steilklippe, kurz vor dem malerischen Örtchen Bénouville bei Étretat. Bereits im Vorfeld bestanden Bedenken zur Eignung dieser speziellen Lage des Contest-Geländes, denn man rechnete mit starken Verwirbelungen, wenn der Wind auflandig oder schräg auflandig wehen würde. Wenn es eine Sache gibt, die ein echter Speedkite nicht abkann, dann sind es sehr starke und schnell wechselnde Böen, im Fachjargon auch „extremer Hackwind“ genannt. Für das Wochenende waren Windgeschwindigkeiten von 35 bis 50 Stundenkilometern gemeldet und dazu weitaus stärkere Böen zwischendurch.
Vorbereitungen
Ein paar Teilnehmer reisten bereits am Donnerstagabend an und versuchten erste Flugmanöver ohne jegliche Messung an dieser sehr speziellen Location. Schnell wurde klar, dass alle Befürchtungen völlig gerechtfertigt waren, denn ein Fliegen mit einem relativ kleinen und schnellen Speedkite erwies sich als fast unmöglich. Der kleine Test-Kite wurde von den extremen Turbulenzen, verursacht durch die Klippe, einfach mitten im rasanten Flug aus der Luft gerissen. Stand der Drachen eben noch satt unter Strömung, so verriss es ihn eine gefühlte Millisekunde später und er fiel drucklos zu Boden. Somit war klar, dass dies ein sehr schwieriger Contest werden würde.
Bereits früh am Freitagmorgen füllte sich die Wiese mit Teilnehmern. Nach vielen freundschaftlichen Begrüßungen und Fachsimpeleien in mehreren Sprachen begann man mit den ersten Versuchen, die teils in monatelanger Arbeit vorbereiteten Speed-Maschinen auf diese widrigen Verhältnisse einzustellen, was alles andere als einfach war. Die meisten dieser bis ans Limit hochgezüchteten Speedies fielen im normalen Optimal-Setup, wie am Tag zuvor der Test-Kite, einfach vom Himmel, nahmen erst gar keine Strömung auf und als dann Strömung anlag, riss diese wiederum abrupt ab. Die meisten Kites waren so fast nicht zu fliegen. Echte Speedkites sind eben (bis auf wenige Ausnahmen) auch echte Startzicken. Als Resultat wurde bereits am Vortag zum Contest jede Menge Material beschädigt oder gar vernichtet. Man würde sich also etwas einfallen lassen müssen.
Erster Wettkampftag
Als die Teilnehmer früh am Samstagmorgen eintrafen, wunderten sie sich, dass noch keine größeren Vorbereitungen am Flugfeld vorgenommen wurden. Lediglich ein paar Sandsäcke und Gitter waren am Vortag auf die Wiese gestellt worden. Kurz danach rückte die fleißige Aufbau- und Verpflegungstruppe an und in Rekordzeit stand ein kleines Festzelt mit französischen Köstlichkeiten (frische Croissants und Crêpes, frischer Kaffee) zum Frühstück bereit und das Flugfeld war passend eingezäunt. Da zum ersten Mal bei einem Speedkitecontest in Frankreich eine Radarpistole zum Einsatz kam und man zuvor entsprechend wenige Erfahrungen damit gesammelt hatte, bot das Orgateam um speedkiting.eu dem Veranstaltervertreter Eric Lincot seine Hilfe bei der technischen Umsetzung an. Kurze Zeit später stand die Messanlage samt Computersystem bereit und das Piloten-Briefing konnte beginnen. Nach dem Willkommen wurden die Regeln und die Funktion der Messanlage kurz erklärt und auf die besonderen Anforderungen hingewiesen.
Den Start machte der Deutsche Heinz Gottschalk, der sich während des ganzen Contests tapfer um die Radaranlage kümmerte. Hervorheben muss man das aus dem Grund, weil die Position direkt an der Radaranlage wohl die gefährlichste beim ganzen Speedkitecontest ist. Es besteht immer die Gefahr, dass ein Pilot nach vorn gerissen wird und einen Anflug zu tief ansetzt. Heinz Gottschalk ist allerdings sehr erfahren im Umgang mit der Messanlage und wusste sich immer rechtzeitig in Sicherheit zu bringen, wenn es brenzlig wurde. Mit einer extrem starken Leistung für die zu diesem Zeitpunkt vorherrschenden Windverhältnisse legte er mit seinem Armageddon Race eine gewaltige Geschwindigkeit von 175 Stundenkilometern vor. Den meisten anwesenden Piloten fiel daraufhin die Kinnlade herunter, da bereits mit dem ersten Anflug die bisherige, in einem offiziellen Wettkampf gemessene Höchstgeschwindigkeit von 163 Stundenkilometern gefallen war. Richtig beeindruckend war die Leistung von Markus Willems an diesem Tag, der ebenfalls mit einem Armageddon Race eine Fabelgeschwindigkeit von 192 Stundenkilometern erreichte, welche auch bis zum Ende des ersten Tages Bestand haben sollte. Die Piloten aus Frankreich waren aber nicht minder erfolgreich und Laurent Morales, Stephan Radday sowie Jean Charles (dem wohl meiner Meinung nach besten Piloten des Contests) gelangen trotz extrem ungleichmäßiger Böen und Turbulenzen während ihres Durchgangs sehr beachtliche Leistungen.
Long Duong
Speziell für diesen Speedkitecontest reiste auch der aus Kambodscha stammende bekannte Drachenbauer Long Duong an, wohl der Veteran des Speedkitings in Frankreich, mit einem Bus voller Kites und mit Ersatzteilen, um den Piloten mit Rat und Tag zur Seite zu stehen. Long Duong baut und vertreibt seit Jahrzehnten aufwändigste Hochgeschwindigkeitsdrachen. Trotz kürzlich erduldeter dreifacher Knieoperation und anderer gesundheitlicher Probleme ließ er es sich nicht nehmen, den Piloten beizustehen, wo er nur konnte. So half er allen, bei diesen extremen Bedingungen ihre Kites in die Luft zu bekommen, reparierte fast nonstop die durch den unnachgiebigen Hackwind verursachten Schäden an den Kites und trat selbst trotz starker Schmerzen zum Start an. Zudem versorgte er die Piloten und Konstrukteure mit wertvollen Tipps. Seine sympathische und fröhlich-lockere Art hat dabei alle Teilnehmer immer wieder fasziniert. Leider waren die Schmerzen zu groß und so konnte er lediglich einen einzigen Anflug auf die Messanlage durchführen, bevor er wegbrach. Mit seinem Tiger II TS Mylar schaffte er dennoch sehr beachtliche 156 Stundenkilometer und belegte damit den 10. Platz vor seinem Freund Michel Rohé.
Der Tag endete mit einem gemeinsamen Abendessen, welches auch vom Drachenclub in Étretat organisiert wurde. Bei vorzüglicher französischer Küche und Wein ließ man es sich gut gehen und schloss neue Freundschaften. Einige feierten bis spät in die Nacht hinein.
Zweiter Wettkampftag
Der zweite Tag des Contests begann leider mit den wohl schlechtesten Wetterverhältnissen während des gesamten Wettkampfs. Es regnete, Wind wollte nur in kleinen, abgehackten Portionen auftreten und ein Fliegen war nahezu unmöglich. So mussten sich die ersten vier Piloten vor dem Mittagessen mehr oder minder durch die Messungen quälen. Hierbei Höchstgeschwindigkeiten zu erzielen war unmöglich. Aber noch während des Essens kam plötzlich wie am Vortag frischer Wind auf. Dieser war sogar noch etwas kräftiger. Waren am Samstag Böen bis 6 Beaufort auf dem Wettkampfgelände zu messen gewesen, schlugen nun hin und wieder Böen von über 8 Beaufort hinein. Direkt nach der Mittagspause und nach einer gewissen Einstellungsphase schaffte es Raphael Marieux, den von ihm entwickelten Tsunami II auf satte 172 Stundenkilometer zu beschleunigen. Die nachfolgenden Piloten hatten daraufhin mit stetig stärkeren Böen zu kämpfen und es wurde reichlich wertvolles Material stark beschädigt. Vor allem die Starts fielen zahlreichen Teilnehmern zunehmend schwerer, sodass man sich gegenseitig helfen musste. Hervorheben sollte man auch die Leistung von Jonathan Fertig. Neben seiner Hilfe als Pilotenbetreuer und Helfer schaffte er es, mit seinem X-Celerator (Invento-HQ) auf beachtliche 144 Stundenkilometer zu kommen und konnte sich somit den 13. Rang sichern.
So fiel die 200!
Der Österreicher Michael Strobl erreichte mit seinem modifizierten S-Kite 0.9 Skyshark beachtliche 159 Stundenkilometer und belegte damit den achtbaren Rang 9. Die für die Schweiz angetretene Petra de Back musste wegen einer Verletzung außer Konkurrenz starten. Der Contest lief normal weiter, ohne dass aber an die Höchstgeschwindigkeit des Vortages angeschlossen werden konnte – dann passierte es: Der eigens mit seinem Bulli aus Berlin angereiste und von der Vorabendfeier noch leicht angeschlagene Christian Gebhardt durchbrach die bisher kaum für möglich gehaltene 200-Stundenkilometer-Grenze! Mit seiner fast vollständig aus Mylar-Laminat bestehenden Eigenentwicklung S-045, mit welcher er noch zu Beginn seines Durchgangs im Verhältnis eher gemütlich unterwegs war, erwischte er eine wirklich heftige Böe. Der zuvor noch flott, aber nicht rasend wirkende Kite beschleunigte daraufhin mit einem gewaltigen Anzug. Man konnte an der Messanlage sofort sehen, wie der Kite plötzlich anfing, perfekt zu funktionieren, und man sah für den Bruchteil einer Sekunde, wie er sich geradezu ansaugte. Diese gewaltige Leistungssteigerung riss nicht nur den Piloten frei 2 bis 3 Meter nach vorne, sondern beschleunigte den Kite dank des wirklich perfekten Anflugs von Christian auf unglaubliche 212 Stundenkilometer! Sofort brachen Jubelschreie aus und alle rannten zum Piloten, um ihm zu gratulieren. Christian wurde daraufhin überschwänglich gefeiert.
Der Wind legte sich nach der langen „Zwangspause“ wieder etwas und die nachfolgenden Piloten vermochten es nicht mehr, auch nur annäherungsweise an diese Fabelgeschwindigkeit heranzufliegen. Christian Gebhardt wurde somit nicht nur zum Europameister, sondern er wird auch einen Eintrag im „Guinness Book of World Records“ erhalten, denn die Veranstaltung war offiziell beim französischen Luftfahrtamt angemeldet. Wir gratulieren dem ersten Europameister und Weltrekordhalter Christian Gebhardt!
Für Pfingsten 2010 plant man schon einen neuen Open-Contest, womöglich zusammen mit dem Drachenfest in Berck-sur-Mer, Pas-de-Calais, Frankreich.
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