Dicker Fisch – Kugelfisch als Selbstbau-Erfahrung
von Redaktion • 12.7.2010 • Kategorie: Einleiner • KITE & friends bestellen!
Das Drachenfest nach der Flughafenschließung München-Riem im Jahr 1992 gab für mich den Ausschlag: Denn dort sah ich den Kugelfisch von Peter Lynn, wie er sich losriss und die Landebahn entlangrollte. Es goss in Strömen und alle Teilnehmer suchten Schutz unter irgendeinem Dach; aber der Kugelfisch wurde irgendwie doch noch eingefangen – und am nächsten Tag hing er wieder treu und brav an seiner Verankerung.

Die Schwanzflosse „testet“ Manfred Lindenlaub im Wohnzimmer

Der große Fisch von innen

Hochzeit der Stoffbahnen, die sorgsam aufgerollt warten, bis sie an der Reihe sind

Luftdurchlass für einen Pickel
Damals habe ich mir wohl den Kugelfisch-Virus eingefangen, denn die Faszination ließ mich nicht mehr los. Drachen baute ich ja schon seit etlichen Jahren, und so sammelten sich immer mehr Stoffreste an, die ich irgendwann verarbeiten wollte. Dazu kam, dass ich viele Jahre später einen ausgedienten Gleitschirm erhielt, und dann noch einen, und die beiden lagerten ebenfalls in meinem Hobbykeller.
Auf dem Drachenfest in Malmsheim 2008 sah ich zwei Kugelfische, kam mit dem Besitzer ins Gespräch und bat ihn um Infos zum Bau, da es nie einen offiziellen Bauplan von Peter Lynn zu diesem Fisch gegeben hatte. Als ich alles in Händen hielt, konnte endlich mit der Fertigung des ersten Kugelfischs begonnen werden: Schablone aus Karton in 22 mal 12 Zentimeter herstellen, die Reststücke danach ausschneiden, Stück für Stück zu einem Streifen zusammennähen und nach 9,60 Metern mit dem zweiten, kürzeren Streifen beginnen – so entstehen nach und nach 44 Streifen, an denen man noch Abnäher anbringen muss, um die Kugelform zu erhalten. Zum Schluss noch die Streifen zu mehreren zusammennähen, danach die Pickel aufbringen und Augen sowie Flossen nicht vergessen.
Stoffberg
Die Streifenpakete werden jetzt zusammengenäht, zuerst nach hinten bis zur Schwanzflosse und dann die vordere Hälfte, alles natürlich mit einer geschlossenen Kappnaht. Die Stoffmenge scheint dabei immer größer zu werden und auch die Meter, die man unter der Nähmaschine durchzuschieben hat, nehmen zu. Ganz zu schweigen von den vielen benötigten Unterfadenspulen.
Nun gut, der erste Kugelfisch war fertig und konnte endlich getestet werden. Ich war überrascht, wie problemlos das zu bewerkstelligen war: Bodenanker rein, Karabiner einhängen, Hexenleiter lösen und Kugelfisch auslegen. Bei konstantem Wind braucht man keinen GFK-Stab im Lufteinlass. Dieser ist aber sehr hilfreich bei uns im Süden Deutschlands, da wir nie wirklich gleichmäßigen Wind haben. Mit dem eingefügten Stab bleibt die Öffnung im Wind und dieser kann ungehindert einfließen, um den Fisch schön prall aufzublähen. Gut sah er aus, und sein Anblick erfüllte mich schon mit ein bisschen Stolz. Aber vor allen Dingen hatten die Kinder ihren Spaß daran!
Ein Fisch allein sah ja bereits gut aus, doch am Strand in Italien wirkte er doch ein wenig verloren. Also beschloss ich, einen Zweiten zu bauen. Stoffreste waren ja noch genug vorhanden und so entstand die zweite Kugel innerhalb weniger Wochen. Beide Fische waren letztes Jahr auf den Drachenfesten unermüdlich im Einsatz und irgendwie setzte sich bei mir der Gedanke fest, einen doppelt so großen Kugelfisch zu bauen.
Next Dimension
Es galt, den vorhandenen Plan umzurechnen und einfach zu verdoppeln. Der vorhandene Kugelfisch hat einen Durchmesser von 3 Meter, was einer Mittellängsnaht von 9,60 Meter entspricht. Der Große sollte 6 Meter haben, also über eine Längsnaht von 19,20 Meter verfügen. Nun ging es los: Gleitschirm auspacken, Leinen entfernen, auftrennen, die einzelnen Bahnen auf Pappröhren fest aufwickeln, um sie wieder einigermaßen glatt zu bekommen. Und alles fing von vorne an: Schablone herstellen, die Stoffbahnen diesmal auf 22 Zentimeter Breite schneiden; danach die schmalen Seiten auch im rechten Winkel schneiden, denn beim Zusammennähen soll der Streifen ja auch schön gerade sein und keinen Bogen machen, was bei knapp 20 Meter Länge doch recht unschön aussehen würde. Also wieder 44 Streifen in der bestimmten Länge zusammennähen, aufrollen und weglegen. Es nahm einfach kein Ende, eine stupide Arbeit, die zwar nötig war, mir aber endlos lang vorkam. Dann endlich waren die 44 Streifen fertig; nun noch die Abnäher, danach die Streifen zusammennähen und mit Pickeln bis zur Schwanzflosse weitermachen. Diese blies ich im Wohnzimmer mit dem Lüfter auf, um zu sehen, wie es wirken würde: ganz schön groß! Aber den Stoffmengen nach zu urteilen war ein Ende ja absehbar. Als ich endlich die beiden Hälften zusammennähte, wurde es so langsam eng in meinem Hobbykeller – Stoff, Stoff, überall nur Stoff. Jetzt bloß den Überblick behalten! Für die letzte Naht musste ich in unsere Gemeindehalle umziehen, um dort die beiden Stoffkanten zu egalisieren. Anschließend wieder nach Hause, um die letzte Naht zu nähen. Als dann noch die Waageleinen befestigt waren und ich den GFK-Stab abgelängt hatte, war der große Kugelfisch endlich fertig.
Am 26. März sollte der große Tag sein: Wind und Wetter passten und ich konnte raus auf die Wiese. Ich war gespannt wie ein Flitzebogen, schlug aber dennoch gleich zwei Bodenanker ein. Ob der Wind ausreichen würde? Schließlich wiegt der Fisch doch insgesamt knapp 10 Kilogramm! Als die Karabiner eingehängt sind und der GFK-Stab eingeschoben ist, kommt der Fisch langsam aus seinem Sack. Er wird groß und größer und plötzlich ist er voll – wow! Der Wind reicht und ich bin unglaublich stolz: Es ist wirklich ein tolles Bild, wie die drei Fische da vor mir stehen. So hole ich die Kamera heraus und schieße die ersten Fotos. Was hört man in der Werbung immer wieder? „Colour your life“ – ich glaube, dazu habe ich einen guten Beitrag geleistet! Jetzt einfach nur noch genießen.
Einsacken
Der Wind frischte etwas auf und auch die Temperatur ging so langsam in den Keller, sodass ich mich ans Einpacken machte. Zuerst den Großen – und da bewährte sich mein Entschluss, die Schwanzflosse mit einem Reißverschluss zu versehen und auch mit einer Schnur, die in die letzte Naht mit eingenäht wurde. So konnte ich die Schwanzflosse herunterziehen, um den Reißverschluss zu öffnen und die Luft entweichen zu lassen. Trotzdem musste ich ganz schön kämpfen, denn der Wind drückte auf den ganzen Fisch und das ist schon eine ordentliche Fläche. Als er im Sack war, musste ich nur noch die beiden kleinen Fische eintüten, alles ins Auto tragen und heimfahren. Daheim angekommen fing es eine halbe Stunde später zu regnen an. Ja, manchmal muss man eben auch Glück haben.



Artikel (RSS) 


