Ausgabe 2009 :: Centennials

von Redaktion • 31.3.2009 • Kategorie: AllgemeinKITE & friends bestellen!

test_aufmacherIch habe mir eine Frau gesucht, die immer geradeheraus ist. Und das mag ich besonders an ihr. Gerade deshalb ist es seltsam, dass ich eine Geliebte habe, die gerne Spielchen spielt. Sie lässt mich immer raten, was sie gerade will. Manchmal hasse ich sie dafür, aber wenn ich ehrlich bin, gehe ich genau deswegen immer wieder zu ihr zurück. Ich verlasse sogar meine Familie dafür: Damit ich mir den Kopf von „Mutter Natur“ verdrehen lassen kann. Und gerade macht sie es schon wieder mit mir. Ich hocke in einer kleinen Hütte mitten in einem Meer aus Eis. Ein anderes Meer, die Tasmanische See, ist etwa 2.400 Meter unter mir deutlich zu erkennen.

SNOWKITE & friends

Mit dem Heli ist die Centennial Hütte erreichbar

SNOWKITE & friends

Hugh, Matt und Jon sind froh, endlich am Ziel ihrer Reise zu sein

SNOWKITE & friends

Die 2009er Ozone-Kites kamen in Neuseeland zum Einsatz

Matt Taggart und Hugh Pinfold von Ozone sind mit dabei auf meiner Mission: Wir wollen das große Gebiet aus Schnee und Eis mit Snowkites erkunden, von dem Neuseelands höchste Berge umgeben sind. Matt und Hugh schnarchen im Moment noch harmonisch um die Wette. Aber dies sind gefährliche Männer: Ihre Ideen bringen Menschen dazu, Dinge zu tun, die eigentlich unmöglich sind. Jemand muss den Traum erst träumen, bevor irgendjemand anderes ihn leben kann. Der Wind hat über Nacht zugelegt und das bedeutet, wir könnten den besten Snowkite-Tag unseres Lebens vor uns haben … oder auch nicht. Nur Mutter Natur (Papatuanuku, in der Sprache der Maori) weiß es, aber sie verrät es uns nicht.

Startschuss

Von diesem Trip habe ich jetzt schon seit ein paar Jahren geträumt, aber die Zeit, das Wetter und das Team haben bis jetzt nie gepasst. Der Frühling in Neuseeland ist eine verrückte Jahreszeit. Ich hatte schon innerlich auf Sommermodus umgeschaltet und war gerade dabei, meinen Terminkalender mit verschiedenen Projekten zu füllen, als es mir in den Sinn kam, eine allerletzte E-Mail loszuschicken. Matts Frau Rebecca hatte gerade ihre zweites Kind zur Welt gebracht und Matt war gleichzeitig auch in den Wehen gewesen, aber auf eine andere Art: Er hatte Geburtshelfer für die neue Range von Ozone Snowkites für 2009 gespielt. Irgendwie erwartete ich also die üblichen Ausreden wie „zu beschäftigt, blank, Kinder sind krank.“ Und weil ich gerade so sehr in meine eigenen Dinge vertieft war, überrumpelte mich Matts Anruf völlig: „Ist das Centennial-Projekt noch aktuell?“ Sofort fing mein Verstand zu rasen an: Was musste noch alles erledigt werden, was zurückgestellt, um diese Mission zu organisieren?

Jetzt aber…
Es war Mittwoch, der 8. Oktober. Wenn wir es überhaupt noch schaffen wollten, dann jetzt sofort. Ein günstiges Wetterfenster würde sich morgen öffnen, Matt und Hugh müssten von Auckland runter nach Queenstown fliegen und dann war da noch die vierstündige Fahrt zu den Gletschern an der Westküste. Wir wollten natürlich den ersten Helikopter zur Centennial Hütte erreichen und dort bleiben, bis das Wetter sich verschlechterte, laut Vorhersage am Montag darauf. Also organisierte Hugh die beiden Flüge, während ich die Liste mit den üblichen Ausrüstungsgegenständen für eine Backcountry-Expedition erstellte: ein Verschüttetensuchgerät für Lawinen, Sonden und Schaufeln. Jeder musste außerdem ein Klettergeschirr tragen, mit Karabinern und Prusik-Knoten, und mindestens einer sollte auch ein Seil dabeihaben (falls jemand in eine Gletscherspalte fiel). Steigeisen und Eispickel würden ebenfalls nötig sein, außerdem noch Splitboards, Stangen und Felle.

Zittern
Matt und Hugh kamen am 9. Oktober um die Mittagszeit an. Wir wirbelten in Queenstown herum und sammelten unsere Siebensachen zusammen, bevor wir losrasten Richtung Westküste. Es gibt auf der Welt kaum eine schönere Strecke, schade nur, dass wir so in Eile waren. Trotzdem kamen wir leider zu spät am Fox Gletscher an, um noch in die Berge fliegen zu können und mussten die Abfahrt auf den nächsten Morgen verlegen. Erst Hektik, dann Warten, das alte Heli-Spiel. Als Heliboard-Führer sollte ich das eigentlich kennen, aber es ist darum nicht weniger frustrierend.

Am nächsten Morgen arrangierten wir unsere Wagenladung „lebensnotwendiger Güter“ auf der Landezone, während die Touristenhubschrauber wild um uns herumschwirrten. Kisten mit Proviant, Klamotten und Schlafsäcken quollen nur so aus dem Kofferraum unseres Autos, zusammen mit neun Kites, die ihr Bestes taten, die Nähte des riesigen Ozone-Sacks zum Platzen bringen zu wollen. Die Zeit verging und uns wurde langsam klar, dass die Touristen-Flüge wohl Vorrang vor den ortsansässigen Bergsteigern hatten. Dann endlich eine Nachricht von den Piloten: Zu viel Wind und zu schlechte Sicht, um bei der Hütte zu landen. Enttäuscht packten wir unser Zeug wieder ins Auto und fuhren zum benachbarten Franz-Joseph-Gletscher, um hier wenigstens noch die Chance auf eine Nachmittagssession zu haben. Und wieder warten, kein Flug mehr an diesem Nachmittag und auch nicht am nächsten Morgen. Jetzt war der Frust natürlich groß und wir mussten dringend Dampf ablassen. Also wanderten wir zum Gletscher hoch und auf das Eis, um Spaltenrettung zu üben. Gelegentlich linste die Sonne durch die Wolken und gab uns wieder Hoffnung. Zurück im Dorf konnte man sogar die Bergspitzen sehen, aber es war schon ziemlich spät. Jetzt bloß schnell! Die Crew des ersten Hubschraubers musste ich förmlich nach draußen zerren, um ihnen die Lücken in der Wolkendecke zu zeigen. Aber keiner der Piloten wollte so spät abends noch losfliegen. Einfach zum Verzweifeln! Matt versuchte es in der Zwischenzeit bei einer anderen Firma. Justin Cloag, der Pilot, wollte ins Tal fahren und von dort schauen, ob er Sicht auf die Centennial Hütte hatte. Wieder Warten. Die Sonne sank langsam, und unsere Chancen sanken mit ihr. Aber plötzlich ging es dann doch los! Wir rasten zum Helipad und los ging’s!

Euphorie
So langsam und eintönig die beiden letzten Tage auch vergangen waren, jetzt ging uns alles fast zu schnell. Ärger verwandelte sich in Freude, Sorge in Erleichterung. Aber nach der Landung mussten wir erst mal zwei Stunden lang Schnee und Eis entfernen, die der letzte Sturm hinterlassen hatte. Dann konnten wir endlich die Tür unseres Bergquartiers öffnen. Obwohl die Centennial Hütte nur den allernötigsten Komfort aufweist, ist sie doch eine sehr wertvolle Immobilie – wegen ihrer einmaligen Lage. Zum Glück kann dieses extravagante Schmuckstück niemals verkauft werden, den Kiwitraditionen sei Dank. Der großartige Ausblick ist ein Angriff auf alle Sinne und man braucht Tage, bevor man sich daran gewöhnt hat.

Erste Meter
Der nächste Tag brachte leichten Südwestwind und weitere Bergsteiger in unsere Hütte. Weil der Schnee so hart gefroren war, mussten wir auf die wärmende Sonne warten, bevor wir losfahren konnten. Wir wollten gegen den Wind zu einem kleinen Gipfel namens West Hoe fahren, der zwei Pässe zur Südwestbrise hin hatte und hofften, dass dort der Wind am stärksten sein würde. Als wir auf den Felsgrat unterhalb der Hütte gingen, begrüßte uns dort genug Wind, um die Kites in die Luft zu bringen. Hugh zog eine 8-Meter-Access hoch und fand einen guten Windwirbel, der am Grat entlangwehte, damit er gerade die Falllinie hochloopen konnte, immer auf die Hütte zu. Ich hatte meine vertraute 10-Meter-Manta-II und Matt wählte die 11er-Frenzy. Eine gut gewählte Ausrüstung und Vertrautheit im Umgang damit machen viel aus, wenn sich die Bedingungen plötzlich ändern und man einen schnellen Wechsel vornehmen muss.

Hugh zeigte mir, wie man die Ozone-Kites am Hang einpacken kann, ohne die Füße aus der Ski-Bindung zu lösen. Der Wind auf den Ebenen flaute ab, also fuhren wir gerade darüber hinweg, um noch so weit wie möglich vorwärts zu kommen. Dann machten wir uns Touringskier aus den Splitboards, um den großen Firn zwischen uns und West Hoe zu überqueren. Kurz darauf waren wir auf dem Pass und genossen den Blick auf den Fox-Firn, ein weiteres, ähnliches Becken, das nur darauf zu warten schien, von uns erkundet zu werden. Der Wind nahm tatsächlich an Stärke zu in den Pässen, benahm sich aber ziemlich verrückt an den Säumen. Daher zogen wir für den Rückweg die großen Kites hoch, Hugh diesmal die 11er-Frenzy, und Matt die 12-Meter-Manta-II. Weil ich das Seil nehmen musste, hatte ich nur einen Kite. Mal wieder zeigte sich, dass Foils die beste Wahl sind, wenn man im Backcountry kiten will. Wir fuhren durch lange Abschnitte mit nur zwei Knoten oder sogar noch weniger Wind und die leichten Foils brachten uns dennoch gut voran. Zurück auf unserem „Hausgrat“ fanden wir wieder einen ordentlichen Wind vor und genossen eine weitere tolle ­Session knapp unterhalb der Hütte.

Weitere Pläne
Während ich das schreibe, haben Matt und Hugh mit dem Schnarchen aufgehört und machen sich für den nächsten Tag bereit. Diesmal geht es mit dem Wind zu einem Sattel an der Flanke des Drummond Gipfels, von der wir denken, dass es dort ordentlich bläst. Der Wind hat zwar die ganze Nacht geheult, aber es sind leichte und wechselhafte Winde gemeldet. Ich hoffe, das stimmt nicht und dass wir viel Power kriegen, aber die Ereignisse gestern haben ja ohnehin gezeigt, dass windstille Tage in den Bergen sehr selten sind. Im schlimmsten Fall machen wir das, was alle anderen auch tun: Touren. Wieder hängt alles von Mutter Natur ab. Und die würden wir niemals ändern, selbst wenn wir das könnten.